Ein Bühnenbild aus Pilzgeflecht

Neue Materialien für die Bühne

Vielleicht habt ihr die Theaterproduktion 2025 des Theaters Sarnen gesehen: «Volksfeindin» – nach Henrik Ibsens «Ein Volksfeind». Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang das Bühnenbild von Christof Bühler. Genauer gesagt: das Material. Er verwendete unter anderem Myzel – jenen Teil des Pilzes, der unterhalb der Erdoberfläche als weit verzweigtes Netzwerk wächst.

Tatiana Troxler im Gespräch mit Christof Bühler

Mit Myzel als möglichem Baustoff für Bühnenbilder kam ich 2020 erstmals in Kontakt, als ich das Materiallager der Zürcher Hochschule der Künste besuchen durfte. Ich erfuhr von diesem besonderen Werkstoff, der sich gerade für den Bühnenbau eignet, weil sich damit nahezu beliebige Formen bewachsen lassen. So kann man etwa aus Hühnergitter eine Struktur formen, die an schliessend vom Myzel durchwachsen wird. Einmal getrocknet und gehärtet, ist sie erstaunlich stabil, gleichzeitig leicht und gut weiterzubearbeiten. Genial, dachte ich damals – das müssten wir in unserem Theaterverein unbedingt einmal ausprobieren.

Ein zweites Mal begegnete mir Myzel vor drei Jahren am Luzerner Theater: Die Bühnenbildnerin Barbara Ehnes setzte es in der Zauberoper «Alcina» ein. Dort wurde das Material nicht nur als Baustoff genutzt, sondern bewusst als lebendiger Bestandteil der Inszenierung gedacht: Das Myzel wuchs während der Aufführungszeit weiter und veränderte das Bühnenbild. Dieser Ansatz zeigte mir eindrücklich, welches gestalterische und dramaturgische Potenzial in diesem Material steckt – und bestärkte mich darin, es auch im eigenen Theaterkontext auszuprobieren.

Und dann waren die Sarner schneller. Wobei es laut Christof Bühler, dem Bühnenbauer der Produktion «Volksfeindin», eher dem Zufall als einer gezielten Entscheidung zu verdanken war, dass Teile des Bühnenbilds aus Myzel entstanden.

Das Pilzgeflecht wächst …
… und wird getrocknet.
Nachhaltiges Bühnenbild im Theater mit Myzel Pilzgeflecht.
Bereit für den Einsatz.

Christof Bühler ist Bühnenbauer und Theatermensch – oder, wie er selbst sagt, ein «Theatererfinder», weil er für die Bühne immer wieder neue Lösungen entwickelt. Vor allem aber ist er Landwirt und Lebens­künstler. Für die Produktion in Sarnen wurde er für den Bühnenbau angefragt. Zur gleichen Zeikam ein Kollege auf ihn zu, der sich beruflich mit Pilzmyzel beschäftigte. Dessen Firma Mycostrat entwickelt neue Baustoffe midem Ziel, künftig nachhaltiger und umwelt­freundlicher zu bauen. Materialien aus Myzel Komposit sind kompostierbar, schadstoff­frei und binden CO₂. Nach ihrer Nutzung lassesie sich problemlos wieder in den natürlichen Kreislauf zurückführen. Was noch fehlte, war ein konkretes Projekt für den Praxis­einsatz. So konnte Bühler die Regie überzeugen, ein Bühnenbild mit Myzel umzusetzen.

Das passte gut ins Konzept, da sich die Produktion «Volksfeindin» mit Fragen von Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit auseinandersetzte. Auch die Kostümbildnerin Nina Steinemann arbeitete unter diesem Aspekt: Die Kostüme entstanden im Rahmen eines Arbeitsintegrationsprojekts mit Kriegsflüchtlingen in Zürich – mit dem Ziel, sie nach der Produktion weiterzuverwenden.

Doch zurück zum Bühnenbild: Ich hatte die Gelegenheit, Christof Bühler einige Fragen zu stellen.

Theater Zytig: Christof, bist du gerade beim Frühlings­putz auf eurem Bauernhof. Du hast ursprünglich Theater­wissenschaft und Geschichte studiert – warum bist du heute Bauer?

Christof Bühler: Als Kind erlebte ich, wie viel meine Eltern auf dem Hof arbeiteten – oft bis an die Grenze der Belastbarkeit – und trotzdem kaum über die Runden kamen und auf staatliche Unterstützung angewiesen waren. Später begann ich, Theater zu machen, und merkte, dass auch dieser Weg von unsicheren Arbeitsbedingungen, unregelmässigen Zeiten und Vorhang bescheidenem Einkommen geprägt ist. So wurde mir klar, dass sich diese Lebensrealitäten in gewisser Weise ähneln. Schliesslich entschied ich mich, in die Fussstapfen meiner Eltern zu treten und den landwirtschaftlichen Weg weiterzugehen.

T.Z: Ich finde es spannend, wie du in deinem Leben Landwirtschaft und Theater – oder ganz allgemein Kunst – miteinander verbindest. Siehst du darin Parallelen?

C.B: In beiden Bereichen geht es im wahrsten Sinne des Wortes darum, Kultur zu schaffen: zu kreieren, zu pflegen und wachsen zu lassen. Und immer stellt sich die Frage, ob das, was man kultiviert, auch wahrgenommen und geschätzt wird. Sowohl in der Landwirtschaft als auch im Kulturbereich ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben – gerade heute, wo Kommunikation über soziale Medien oft wenig verbindlich und manchmal auch ziemlich asozial ist. Über das Theater, aber auch über den Bezug zur Landwirtschaft bleiben Menschen miteinander im Austausch. Eine weitere wichtige Parallele ist für mich das Thema Nachhaltigkeit: Es braucht ein grosses Bewusstsein dafür, was man tut oder bewusst nicht tut.

T.Z: Du hast in Sarnen erstmals mit Myzel gearbeitet?

C.B: Ja, das war für mich eine Premiere. Mir ging es vor allem darum, erste Erfahrungen zu sammeln – ich hätte eigentlich gerne noch mehr ausprobiert.

T.Z: Was habt ihr konkret umgesetzt?

C.B: Ganz ehrlich: Für den Einstieg haben wir es uns relativ einfach gemacht. Myzelplatten erinnern an eine Mischung aus Kork, Styropor und gepresstem Karton – leicht, etwas porös, aber stabiler, als man denkt. Im Grunde haben wir die Schaumstoffplatten unseres Bühnenbilds durch Myzelplatten ersetzt. Das Myzel braucht ein Substrat, in das es hineinwachsen kann. Bei uns bestand es aus einem Gemisch aus Holzspänen und Hanffasern. Dieses füllten wir in Untersetzer von Geranienkästen und liessen es vom Myzel durchwachsen.

T.Z: Wie lange dauert dieser Prozess?

C.B: Das geht relativ schnell: etwa eine Woche Wachstum und danach nochmals ungefähr eine Woche zum Trocknen. Ganz so einfach,wie ich es mir vorgestellt hatte, war es allerdings nicht.

T.Z: Was war die grösste Herausforderung?

C.B: Das Myzel wächst nicht überall gleichmässig. Mal wird die Schicht dicker, mal dünner – das ist schwer zu steuern. Beim Trocknen zieht sich das Material zudem zusammen, und auch das geschieht nicht gleichmässig. Je nach Dicke entstehen Unterschiede, die zum Teil deutlich sichtbar sind.

T.Z: Wie habt ihr das gelöst?

C.B: Wir haben bewusst mehr Elemente produziert, als wir benötigten, und konnten dann auswählen, was wir letztlich verwenden.

T.Z: Braucht es besondere Bedingungen für das Wachstum?

C.B: Nein, das Myzel ist relativ anspruchslos. Es braucht kein Licht, deshalb haben wir die Formen in Folie eingewickelt. Das Trocknen dauert etwa gleich lange wie das Wachstum und stoppt den Prozess.

T.Z: Lassen sich Myzelplatten gut bearbeiten?

C.B: Myzel lässt sich gut schneiden, sägen und vorsichtig schleifen, ist aber weicher und wenigerpräzise als Holz. Am besten arbeitet man mit Kleben statt Schrauben, da das Material nicht stark belastbar ist. Für die Bühne eignet es sich vor allem für leichte Kulissen und Requisiten – gut bemalbar, formbar und nachhaltig, aber nicht für tragende Konstruktionen.

T.Z: Würdest du wieder mit Myzel arbeiten?

C.B: Ja, das würde mich sehr reizen. Besonders spannend fände ich es, das Material während der Aufführungszeit weiter wachsen zu lassen. Dafür braucht es allerdings eine Regie, die offen für solche Prozesse ist. Generell wünsche ich mir im Theater – insbesondere im professionellen Bereich – offenere Strukturen.

T.Z: Was meinst du damit?

C.B: Mir fällt immer wieder auf, wie stark hierarchisch die Theaterlandschaft in der Schweiz teilweise organisiert ist. Oft liegt die Verantwortung sehr klar bei der Regie, und es fehlt manchmal das Vertrauen, dass Bereiche wie Kostüm, Maske, Bühnenbau oder Effekte eigenständig arbeiten können. Gleichzeitig gibt es – gerade in der freien Szene – auch hierzulande kollektive Arbeitsweisen. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus er lebe ich projektbezogene Formen, wie ich sie etwa aus England kenne, als besonders bereichernd: Sie ermöglichen flachere Hierarchien und eine offenere Zusammenarbeit. Das bringt mehr Freiheit, verlangt aber auch mehr Eigenverantwortung.

Im Volkstheater funktioniert vieles noch über Vereinsstrukturen. Gleichzeitig wird es auch hier zunehmend schwieriger, Menschen für Vorstandsarbeit und Verantwortung zu gewinnen. Es gibt zudem Gruppen, die sich in Richtung Semiprofessionalität entwickeln – gewisse Bereiche werden bezahlt, andere bewusst nicht. Das kann neue Abhängigkeiten schaffen. Ich denke dabei auch an Freilichtproduktionen, die stark von einzelnen Personen getragen wurden und nach deren Rückzug nicht weitergeführt werden konnten.

Das muss aber nicht zwingend so sein! Wenn Veränderungen zugelassen werden, können sie auch Chancen bieten. Das gilt im Theater genauso wie in der Landwirtschaft – etwa bei Hofübergaben. Entscheidend ist, dass akzeptiert wird, dass eine nächste Generation Dinge anders macht. Ich bin überzeugt, dass wir in beiden Bereichen auf einem guten Weg sind. Ein Wandel ist spürbar – ebenso die Bereitschaft, ihn aktiv zu gestalten, mit einem wachen Blick für das, was wirklich zählt.

Myzel Pilzgeflecht eignen sich für die Bühnenbildgestaltung wegen ihrer Nachhaltigkeit.
Myzel Pilzgeflecht eignen sich für die Bühnenbildgestaltung wegen ihrer Nachhaltigkeit (Theater Sarnen © Sonja-Mueller)