Wo die Schweiz Theater spielt

Das Volkstheaterfestival Meiringen ist einer der wichtigsten Treffpunkte für Amateurtheatergruppen aus der ganzen Schweiz. Hier begegnen sich Ensembles, tauschen sich aus und präsentieren ihre Produktionen vor Jury und Publikum. Für die Theater Zytig sprechen Enrico Maurer (Künstlerischer Leiter und Mitglied der Theaterkommission) und Thierry Ueltschi (Präsident des Vereins Volkstheaterfestival Meiringen) über aktuelle Entwicklungen, organisatorische Herausforderungen und ihre Visionen für die kommenden Jahre.

Thierry Ueltschi ist OK Präsident des Volkstheaterfestival Meiringen
Thierry Ueltschi
Enrico Maurer ist im Organisationsteam des Volkstheaterfestivals Meiringen
Enrico Maurer

Thierry, was macht für dich die besondere Ausstrahlung des Volkstheaterfestival aus?

Thierry: Für mich ist das Festival ein Herzensprojekt. Ich möchte ein Umfeld schaffen, in dem sich Theaterschaffende aus der ganzen Schweiz gesehen und geschätzt fühlen – professionell organisiert, aber herzlich im Ton. Als Präsident sehe ich mich als Ermöglicher.

Enrico, nach welchen Leitlinien beurteilt die Theaterkommission die Produktionen – und wo wird es besonders anspruchsvoll?

Enrico: Wir arbeiten mit einem umfassenden Kriterienkatalog und begutachten fast alle Produktionen live vor Ort. Neben einer guten Qualität der Inszenierungen wollen wir eine möglichst breite Palette nach Meiringen holen. Nach fünf Ausgaben mit drei Dutzend Produktionen im Hauptprogramm ist die grosse Herausforderung, dem Publikum immer wieder etwas Neues zu bieten: Stückinhalte und Inszenierungen, die überraschen und so noch nie dagewesen sind.

Wie nimmst du die aktuellen Entwicklungen im Volkstheater wahr?

Enrico: Das Volkstheater ist so lebendig wie nie zuvor – das spüre ich auch in meinem Beruf als Verleger. Die Schweizer Gruppen sind neugierig und haben ein gutes Gespür für starke, neue Stückinhalte. Was sich aber nie ändern wird: Rund 90 Prozent setzen auf gute Komödien und möchten ihrem Publikum beste Unterhaltung bieten.

Fallen dir bestimmte Tendenzen oder neue Handschriften besonders auf?

Enrico: Auffallend ist, dass sich die Szenerien verändert haben. Man wird kreativer beim Bühnenbild; vieles wird nur noch angedeutet oder spielt an ganz anderen Orten – Bahnhöfe, Autogaragen, Schlösser, Schiffe. Zudem werden viele Theaterabende kürzer. Stücke von über zwei Stunden sind selten geworden.

Thierry, welche Stellung nimmt das Volkstheaterfestival Meiringen in der Schweizer Theaterlandschaft ein?

Thierry: Es ist die einzige Plattform, die ein mehrtägiges Amateurtheater-Festival mit Jurybewertung, Workshops und Austausch anbietet. Das macht es schweizweit einmalig: Qualität mit Volksnähe zu verbinden.

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Und wo liegen für dich die grössten Herausforderungen?

Thierry: Die Finanzierung bleibt trotz viel Freiwilligenarbeit eine Dauerbaustelle. Auch die Logistik – Technik, Unterkunft, Verpflegung – ist aufwendig. Und natürlich braucht es immer wieder neue Energie, um Menschen für die Mitwirkung zu begeistern.

Wie hat sich das Festival in den letzten Jahren verändert?

Thierry: Wir sind professioneller geworden – in Kommunikation, Ablauf und Betreuung der Gruppen. Wichtig ist: Der familiäre Charakter ist geblieben. Besonders freut mich, dass wir 2025 auch Gruppen aus der Romandie und junge Ensembles gewinnen konnten. Das Format Kino+ startete sehr erfolgreich, und die neuen Festivalpässe machen den Zugang einfacher.

Wo siehst du wichtige Schritte für die Zukunft?

Thierry: Künstlerisch möchten wir experimentelle Formen und jüngere Stimmen stärker fördern. Strukturell wäre eine noch engere Einbindung der Region ein Ziel.

Wie gelingt es euch, die Motivation im OK über die Jahre wachzuhalten?

Thierry: Wir leben das Festival mit Herzblut. Die vielen positiven Rückmeldungen geben uns viel zurück. Wichtig ist, dass wir im OK gut zusammenarbeiten, offen kommunizieren und uns gegenseitig stützen.

Einige Vereine können aus logistischen oder inhaltlichen Gründen nicht in Meiringen auftreten. Wie könnte man sie dennoch einbeziehen?

Thierry: Das Festival bleibt ein kompakter Anlass mit klaren Rahmenbedingungen. Die Tramhalle als Hauptspielort setzt technische Grenzen. Wir wissen, dass nicht jede Gruppe darin auftreten kann – das ist bedauerlich, aber Teil des Konzepts. Mit Kino+ sprechen wir gezielt Gruppen an, die in anderen Räumen besser zur Geltung kommen – etwa mehrsprachige Produktionen, Inklusion oder Jugendtheater. Wenn sich künftig weitere sinnvolle Formen ergeben, schliessen wir diese nicht aus.

Was macht aus eurer Sicht die besondere Energie dieses Festivals aus?

Thierry: Die Verbindung von Herzlichkeit, künstlerischem Anspruch und gelebter Gemeinschaft. Hier begegnen sich Menschen mit einer gemeinsamen Leidenschaft – unabhängig von Alter, Herkunft oder Sprache.

Enrico: Wo sonst erlebt man innerhalb von fünf Tagen zwölf komplett unterschiedliche Theaterproduktionen? Das ist einmalig in der Schweiz! An keinem anderen Ort wird die Vielseitigkeit des Schweizer Volkstheaters so beleuchtet wie in Meiringen. Ein absolutes Muss für alle Theaterverrückten.

Was nehmt ihr persönlich aus dem Festival 2025 mit?

Thierry: Dankbarkeit. Für den Einsatz aller Mitwirkenden, für den Mut der Gruppen und für die vielen inspirierenden Gespräche.

Enrico: Der Zuschauerrekord macht mich enorm glücklich. Er zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es ist ein wunderbares Gefühl, mit so vielen Menschen an einer grossen Vision zu arbeiten.

Welchen Rat gebt ihr Gruppen, die mit einer Teilnahme liebäugeln?

Thierry: Habt keine Scheu. Kommt als das, was ihr seid. Authentizität und Spielfreude zählen mehr als Perfektion.

Enrico: Dem ist nichts hinzuzufügen!

Herzlichen Dank an Enrico und Thierry für ihre offenen Worte und die Einblicke hinter die Kulissen. Spannend bleibt, wer 2026 als Nächstes den Wanderpreis – die grosse «Goldene Meringue» – für das «beste Ensemble» mit nach Hause nehmen darf!

Für das Interview: Tatiana Troxler

Interesse an einer Teilnahme?

Theatergruppen aus der ganzen Schweiz können sich für das Volkstheaterfestival bewerben. Die Ausschreibung erfolgt jeweils frühzeitig über die Festivalwebsite.

Informationen & Anmeldung
volkstheaterfestival.ch

Wichtig zu wissen

  • Die Theaterkommission sichtet und beurteilt sämtliche eingereichten Produktionen.
  • Kriterien sind u. a. Spielqualität, Regie, Ensembleleistung, Bühnenbild und Originalität.
  • Aus organisatorischen Gründen können nur eine begrenzte Anzahl Produktionen berücksichtigt werden.
  • Einige Formate eignen sich auch für Gruppen, die nicht auf der Hauptbühne spielen können (z. B. Kino+).

Preisverleihung
Am Ende des Festivals werden traditionell mehrere Preise verliehen, darunter die Goldene Meringue als Wanderpreis für besondere Leistungen.

Bei Fragen ist das OK-Team gerne behilflich.
Kontakt über das Formular auf der Website unter volkstheaterfestival.ch