Zeitreise zum Anziehen

Seit über einem Jahrhundert steht die Firma Kostüm Kaiser in Aesch BL für Qualität, Vielfalt und gelebte Tradition im Bereich Kostümverleih. Gegründet im Jahr 1882, hat sich das Unternehmen zu einer festen Grösse in der Schweiz entwickelt, wenn es um authentische Kleidung, Uniformen und Requisiten geht.

Von Katrin Brunner

Der Name ist geblieben. Das Geschäft steht heute unter der Leitung von Cédric Gschwind (40), der es von seinem Vater Bruno übernommen hat. Bruno Gschwind übernahm seinerseits Kostüm Kaiser von seinem Vater. So führt die Familie Gschwind das traditionsreiche Erbe bereits in dritter Generation mit viel Engagement und Fachwissen weiter.

Wer durch die verwinkelten Gänge schlendert und an den professionellen Archivschränken vorbeigeht, ist früher oder später beeindruckt von der Auswahl der hier zu mietenden Kleider und Gegenstände. Rund 50’000 Kleider und Kostüme befinden sich, sorgfältig gelagert, in den weitläufigen Räumlichkeiten des Kostümverleihs. Wer sich diese – ebenso wie die Requisiten – anschaut, begibt sich auf eine Zeitreise, die in der Steinzeit beginnt und in den 1990er-Jahren endet.

Im Keller befindet sich eher die «Hardware», also unter anderem Degen, Ritterrüstungen und Rüstungsteile sowie teils kunstvolle Hüte und Pistolen, AlchemistenWerkzeug und Narren- und Tierkostüme.

«Moderne Kostüme haben wir nicht, da diese andernorts noch gut erhältlich sind.», erklärt Cédric Gschwind. An diesem Morgen hält er zusammen mit zwei Schneiderinnen die Stellung, nimmt Kleidung entgegen oder gibt Kostüme heraus. So auch eben, als gerade das letzte Kostüm für das diesjährige Sächsilüüte in Zürich rausging.

Eine über hundertjährige Geschäftsgeschichte: Cedric Gschwind präsentiert ein besonders prächtiges Kostüm – auch Rüstungen sind erhältlich …

50’000 Kostüme und Kleider

Die Sammlung ist beeindruckend gross und hat sich seit Bestehen von Kostüm Kaiser laufend erweitert. Die ältesten Original-Kleider, welche noch vermietet werden stammen aus den 1940er-Jahren. 1961 wurden hier beispielsweise auch spezielle Kostüme für eine Filmproduktion genäht – diese Textilien sind bis heute im Einsatz.

«Wir bieten und produzieren hier keine billige Ware, sondern achten auf Qualität. Und Qualität ist nachhaltig, da sie jahrelang wiederverwendbar ist», so der Geschäftsleiter. Diese Qualität zeigt sich in vielfältiger Weise: in opulenten Brokatstoffen, aufwändigen Trachten und sogar bei der Unterwäsche ist sie sicht- und spürbar. Heute ist beispielsweise Baumwoll- und Leinenwäsche eingetroffen. Diese wird vor Ort in der hauseigenen chemischen Reinigung gesäubert oder zunächst eine Zeit lang im Ozonschrank behandelt, um sicherzugehen, dass Schweissrückstände zersetzt werden und keine Parasiten in die wertvolle Sammlung gelangen. Danach werden Schadstellen ausgebessert.

Die Schneiderinnen vor Ort verstehen ihr Handwerk bestens: Nach ihrer Ausbildung zur Schneiderin haben sie sich zusätzlich im Spezialgebiet «Theaterschneiderei» weitergebildet.

Der Reissverschluss im Mittelalter

Die Anforderungen an die Kleidung sind unterschiedlich. Kostüme für Theater und Ähnliches müssen in erster Linie bequem sein. Ausserdem sollte man schnell hinein- und wieder herausschlüpfen können. So wird dann auch mal an versteckter Stelle ein Reissverschluss eingenäht oder ein Korsett am Rokokokleid lockerer geschnürt, als es vor rund dreihundert Jahren wohl üblich war.

Anders sieht es bei Kleidung aus, die im Auftrag genäht und hergestellt wurde und später in einem Museum ausgestellt wird. Cédric Gschwind blättert in einem Bildband über eine Ausstellung historischer Militäruniformen, die er mitgestaltet und ausgestattet hat. Hier finden sich keine Reissverschlüsse – jede Naht wurde von Hand genäht. Hosen und Jacken färbten er und sein Team mit Naturfarben wie Kamille und Färberkrapp. Er habe damals viel Zeit in die Recherche und die historisch genaue Umsetzung investiert, erzählt er stolz.

Die Firma Kostüm Kaiser ist eine Anlaufstelle für Filmproduktionen, Theater, Events oder private Anlässe. Aktuell seien die 1920er-Jahre gefragt, aber auch das Mittelalter. Piraten sind ebenfalls immer wieder beliebt. Kürzlich haben es sich zwei Kunden nicht nehmen lassen und haben Ritterrüstungen für einen Mittelalteranlass gemietet. Vielleicht etwas unbequem den ganzen Tag über, aber sicher eine tolle Erinnerung an das Fest. Weniger gefragt seien Feuerwehruniformen oder Uniformen von Musikvereinen, stellt Cédric Gschwind fest – ergänzt jedoch: «Allgemein ist ein breites Interesse an allen Epochen zu spüren.»

Spezialwünsche werden berücksichtigt

Kommen Auftraggebende mit einem Sonderwunsch, beginnt die Recherche. Wie schon sein Vater und sein Grossvater vertieft sich auch Cédric Gschwind intensiv in die Suche nach möglichst authentischen Lösungen. «Wir wollen keine Fasnachtskostüme», betont er – und meint damit Billigware, die meist aus dem asiatischen Raum stammt.

Seine Suche führt ihn gelegentlich in Brockenhäuser, auch wenn es zunehmend schwieriger wird, dort passende Stücke zu finden. Im hauseigenen Schneideratelier werden Kleidungsstücke angepasst oder ganz neu angefertigt.

Cédric Gschwind ist dabei offen: «Das kann schnell teuer werden», sagt er – denn Recherche, Stoff und Arbeitsaufwand summieren sich. Wenn sich Kunstschaffende dies jedoch leisten, entsteht in ihren Produktionen ein ganz besonderer Zauber.

Kostüm Kaiser – eine Zeitreise zum Anziehen
Stofflager
Requisiten

Infos für Vereine

Über ein Jahrhundert hinweg verbindet Kostüm Kaiser in Aesch BL bereits auf einzigartige Weise Vergangenheit und Gegenwart. Bestellungen für Bühnenauftritte ab 200 Franken erhalten 30 Prozent Rabatt. Bei mehr als fünf kompletten Kostümen erhalten Bestellende 40 Prozent Ermässigung. Von dieser Regelung sind Bestellungen für Freilichtaufführungen jedoch ausgeschlossen (wegen ausserordentlichem Reinigungsaufwand).