Partizipation im Volkstheater – müssen alle entscheiden können?
Im Herbst 2025 schrieb Laurin Moor seine Bachelorarbeit inTheaterpädagogik über die Partizipation im Volkstheater. Er durfte zur Recherche einen Regiekurs des ZSV besuchen und versprach im Gegenzug, die Erkenntnisse seiner Arbeit hier in der Theater Zytig zu teilen.
Laurin Moor: Volkstheater und Theaterpädagogik haben für mich schon immer zusammengehört; dass sich Menschen aus ganz unterschiedlichen Berufen und Sozialisationen zusammenfinden, um ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen, beeindruckt mich noch heute. Um dieser Ausgangslage gerecht zu werden, braucht es meiner Meinung nach ein Interesse für die Prozesse des Theatermachens.
Ein entscheidendes Detail sehe ich darin, wie den Spielenden begegnet wird und wie sie im gemeinsamen Probeprozess mitbestimmen können. Wie eine solche Begegnung gelingen kann, wollte ich also in meiner Bachelorarbeit untersuchen. Ich stellte mir folgende Frage:
Inwiefern führen partizipative und theaterpädagogische Ansätze zu einem «echten» Mitgestalten in einer Volkstheaterproduktion? Und: Was lässt sich aus der Volkstheaterpraxis für den Umgang mit nicht professionellen Theaterspielenden lernen?
Um auf diese Fragen eine Antwort zu finden, habe ich verschiedene Probebeschreibungen aus dem professionellen Theater analysiert, bin in Proben einer Volkstheaterproduktion reingesessen, habe Gespräche mit Spielenden geführt und habe zusätzlich einen Regiekurs des ZSV besucht. Die dabei gesammelten Erkenntnisse sind so simpel wie einleuchtend. Um Partizipation zu fördern, sollten wir:
- versuchen, sich gegenseitig auf Augenhöhe zu begegnen und sich gegenseitig ernst nehmen.
- Machtverhältnisse offenlegen. – Die Regieposition muss und wird gewisse Entscheidungen alleine fällen. Dies begründet sich in ihrer Position als Probe- und Inszenierungsleitung. Es hilft jedoch, dies anzusprechen.
- «echte» Entscheidungsmöglichkeiten geben.
- Fragen stellen und sich wirklich für die Antworten interessieren.
- Gleichwertigkeit fördern und nicht unbedingt Gleichberechtigung anstreben. – Es müssen nicht immer alle Beteiligten gleich viel mitreden und mitentscheiden. Das macht sie nicht mehr oder weniger wertvoll für den Prozess.
- transparent kommunizieren.
- Erwartungen offenlegen – So kann es zum Beispiel vorkommen, dass die Regie eine offenere Probearbeit geplant hat, als die Spielenden es gewohnt sind. Das kann zu Missverständnissen führen.
- Regie als Zuschauende verstehen. – Häufig lässt sich eine Entscheidung sehr gut mit dem Blick aus dem Publikum begründen. So kann sich eine Szene auf der Bühne anders anfühlen, als sie aus dem Publikum wahrgenommen wird.
«Regie als Zuschauende verstehen. – Häufig lässt sich eine Entscheidung sehr gut mit dem Blick aus dem Publikum begründen.»
Insgesamt glaube ich jedoch, dass keiner dieser Ansätze für sich genommen eine «echte» Beteiligung aller Mitwirkenden garantiert. Gleichzeitig steckt in allen Ansätzen aber das Potenzial für eine gleichwertige Zusammenarbeit. Entscheidend sind daher weniger einzelne Handlungen, die zu einer gelungenen beteiligungsorientierten Inszenierung führen, sondern vielmehr eine bewusste Haltung der Regie. Dazu gehört eine klare Vorstellung davon, welche Bedingungen notwendig sind, damit die Spielenden tatsächlich am Prozess beteiligt sind und als gleichwertig behandelt werden.
Machtstrukturen thematisieren und Verantwortungen übernehmen
Ich behaupte, dass gerade die Theaterpädagogik in einem gewissen Widerspruch gefangen ist: zwischen dem Anspruch, einen Inszenierungsprozess partizipativ zu gestalten, aber schlussendlich für das Gelingen der Inszenierung und deren künstlerischen Wert verantwortlich zu sein. Dass dieser Widerspruch nicht unbedingt aufgelöst, sondern offengelegt werden muss, ist mein Fazit aus dieser Arbeit. Es gilt, die Machtverhältnisse, die aus der reinen Anleitungsposition besteht, zu akzeptieren und transparent damit umzugehen.
Eine Möglichkeit besteht darin, die Erwartungen der Teilnehmenden anzusprechen. So hat sich gezeigt, dass die Spielenden in aller Regel von der Regie erwarten, dass diese Verantwortung übernimmt und Entscheidungen trifft. Ich schliesse daraus, dass «echte» Partizipation auch darin besteht, Machtstrukturen zu thematisieren und entsprechend Verantwortungen zu übernehmen. Mit anderen Worten: Partizipation bedeutet nicht, dass alle beteiligten Personen gemeinsam Entscheidungen treffen, sondern dass sich alle einig sind, wie Entscheidungen getroffen werden.
Transparenz bedeutet, dass Entscheidungen immer erklärbar sind und offen kommuniziert werden. Dies heisst, dass die entscheidende Person (Regie, Spielleitung usw.) im Austausch mit den Spielenden sein muss und sich um deren Meinung und Einschätzungen bemüht.
Was lässt sich für mich als Theaterpädagoge aus der Volkstheaterpraxis lernen?
Ich erhielt die Erkenntnis, dass eine Hierarchie und ungleiche Machtverhältnisse nicht per se etwas Schlechtes sein müssen, solange sie erklärbar sind und alle Teilnehmenden sich darauf einigen. Doch sollten sie zeitlich und inhaltlich klar begrenzt bleiben. Es hilft, wenn die Rolle der Regie als Position und nicht als Status begriffen wird. Eine Position die wohlgemerkt unterschiedlich ausgefüllt werden kann und deren Definition auch geformt wird aus den Umständen und Erwartungen der Teilnehmenden einer jeweiligen Theaterproduktion.
zur Person
Laurin Moor studiert Theaterpädagogik an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Das Studium dauert drei bis fünf Jahre (je nachdem, wie dicht man seinen Stundenplan füllt). Aktiv ist er beim Sarner Theater, wo er auch schon Regie führte. Er leitet das Kollegitheater in Sarnen und inszeniert bei den Luzerner Stachelbeeren. Sein Ziel ist es, seine Leidenschaften für Musik und Theater zu kombinieren. Für seine Bachelorarbeit hat er einen Regiekurs des ZSV besucht. Er ist 33 Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Luzern.