Mitten im Leben – mitten im Spiel
Vom KV an die Schauspielschule in Hamburg: Der 28-jährige Raphael Schmitz, einst aktives Mitglied der Rabenbühne Hitzkirch, spricht über Mut, Vertrauen, elf Premieren im Jahr und seine Liebe zum Amateurtheater
Raphael Schmitz hat einen ungewöhnlichen Weg hinter sich. Nach seiner KV-Lehre begann er zunächst ein Studium zum Religionspädagogen. Dann wagte er das Vorsprechen an einer Schauspielschule in Hamburg – und wurde überraschend auf An hieb aufgenommen. Heute arbeitet er als freischaffender Schauspieler und bewegt sich zwischen Museum, Dampfschiff, Krimidinner und Theaterproduktionen.
Theater Zytig: Raphi, wo erwischen wir dich gerade?
Raphael Schmitz: Auf dem Dampfschiff Gallia. Das ist mein Sommerjob, den ich seit zwei Jahren mache. Dort unterhalte ich die Gäste mit Geschichten und Legenden aus der Region. Als Gründer der Dampfschifffahrtsgesellschaft führe ich als historische Figur durch die Fahrt.
TZ: Ein normaler Arbeitstag also?
RS: (lacht) Ja, ziemlich. Es kann aber genauso gut sein, dass ich am Morgen für Schülerinnen und Schüler einen Ritter spiele, am Nachmittag eine Theatertour im Museum mache und am Abend bei einem Krimidinner auftrete.
TZ: Wer kann schon von sich behaupten, den Arbeitstag in einer Ritterrüstung zu starten?
RS: Eben! Und genau das liebe ich.
TZ: Wie sieht dein Alltag als freischaffender Schauspieler aus?
RS: Einen geregelten Alltag gibt es eigentlich nicht mehr. Seit ich voll freiberuflich arbeite, spielen Wochentage keine grosse Rolle mehr. Die Freiheit ist zwar schön, aber sie bringt auch Verantwortung mit sich. Ich bin mein eigener Chef und muss meine Tage so organisieren, dass alle Aufträge aneinander vorbeikommen. Manchmal spiele ich vier Abende hintereinander und merke danach: Jetzt brauche ich eine Pause. Im letzten Jahr hatte ich elf Premieren. Da habe ich gemerkt, dass ich irgendwann auch einmal Nein sagen können muss
TZ: Elf Premieren in einem Jahr – wie bringt man das überhaupt unter einen Hut?
RS: Mit viel Organisation. Letztes Jahr habe ich parallel zwei Stücke geprobt, während ich in einem dritten noch auf der Bühne stand. Dazu kommt, dass ich ein festes Engagement im Museum habe. Dort weiss ich jeweils weit im Voraus, wie das nächste halbe Jahr aussieht. Darum muss ich meinen Kalender stets im Blick behalten und gleichzeitig genügend Freiraum für neue Anfragen in den kommenden Monaten lassen.
TZ: Woher kommt deine Begeisterung fürs Theater?
RS: Als Sechs-, Siebenjähriger durfte ich mit meinen Eltern im Stadttheater Luzern das Weihnachtsmärchen «Emil und die Detektive» besuchen. Ich bekam zwar grosse Angst, als das Geld geklaut wurde, gleichzeitig war da aber auch eine grosse Faszination. So richtig gepackt hat es mich dann in der Primarschule bei einem Musical. Danach folgte ein Jugendprojekt des Luzerner Theaters auf dem Viscosi-Areal in Emmenbrücke. Das war mein Schlüsselerlebnis, denn zum ersten Mal durfte ich gemeinsam mit Gleichaltrigen eine grosse Produktion erleben, die professionell begleitet wurde. Für mich war das auch der Moment, in dem ich Menschen kennenlernte, die genau so Bock auf Theater hatten, wie ich selbst.
TZ: Du hast aber nicht direkt den Weg an eine Schauspielschule eingeschlagen.
RS: Nein. Ich habe zuerst eine KV-Lehre gemacht und später Religionspädagogik studiert. Irgendwann dachte ich aber: Ich muss es einfach versuchen. Sonst bereue ich es später vielleicht, dass ich es nie gewagt habe. Hamburg war schon lange meine Lieblingsstadt. Also habe ich mein Glück versucht. Und wurdest auf Anhieb aufgenommen. Ja, was alles andere als selbstverständlich war. Das Vorsprechen fand in Zürich statt und dauerte drei Tage. Am Ende erhielten lediglich 14 Leute die Zusage. Ich weiss noch, dass ich vor lauter Freude niemanden telefonisch erreichen konnte. Als Erste erfuhr es dann meine Mutter. Dann kam Corona. Ja, perfektes Timing (lacht). In Hamburg wohnte ich damals in einer Parallelstrasse der Reeperbahn. Normalerweise herrscht dort unglaublich viel Betrieb. Während Corona war aber alles leer. Es war wie eine Geisterstadt. Die ersten anderthalb Jahre meiner Ausbildung waren stark von Einschränkungen geprägt. Vieles fand online statt. Zeitweise musste ich jeden Morgen einen Test machen, um ohne FFP-Maske am Unterricht teil nehmen zu dürfen. Manchmal fühlte es sich an, als würde ich die gesamte Ausbildung mit angezogener Handbremse absolvieren.
TZ: Was hat dich an der Schauspielausbildung am meisten überrascht?
RS: Wie zentral der Körper und die Atmung sind. Unter dem Fach Atmung konnte ich mir zunächst überhaupt nichts vorstellen. Heute würde ich sagen, dass das eines der wichtigsten Werkzeuge überhaupt ist. Man lernt unglaublich viel über sich selbst. Die Atemübungen haben mich gelehrt, weniger zu beurteilen, offener zu werden und auch zu akzeptieren, wenn etwas nicht so läuft wie geplant.

TZ: Das klingt fast nach einer Lebensschule.
RS: Ja, das ist es in gewisser Weise auch. Im Fach Körperkunde hatten wir eine beeindruckende Dozentin, die Gründerin der Schule. Sie war damals bereits über 80 Jahre alt. Sie beobachtete uns zunächst während längerer Zeit und arbeitete dann intensiv mit einzelnen Personen. Die Aufgabe war simpel: Eine Person legte sich vor der ganzen Klasse auf eine Matte am Boden und sollte einfach atmen. Dann stellte sie fest: Da ist eine Blockade. Du atmest gar nicht richtig. Das führte oftmals zu sehr emotionalen Erfahrungen. Es fühlte sich oft wie ein Seelenstriptease an. Das war zunächst unangenehm, im Nachhinein aber sehr wertvoll. Ich habe gemerkt, dass man dadurch näher zu sich selbst findet.
TZ: Was kann das Amateurtheater von solchen Erfahrungen mitnehmen?
RS: Gerade bei Nähe und Distanz braucht es einen bewussten Umgang. Eine Herausforderung kann sein, die Grenzen zwischen einem Bühnenkuss und der persönlichen Ebene klar zu trennen. Im Amateurtheater ist das manchmal anspruchsvoll, weil oft weniger Zeit zur Verfügung steht, um solche Themen sorgfältig zu erarbeiten. Deshalb sind klare Grenzen und gegenseitiges Vertrauen umso wichtiger.
TZ: Als freischaffender Schauspieler gibt es keine Planungssicherheit. Wie gehst du mit dieser Ungewissheit um?
RS: Heute habe ich ein grosses Vertrauen, dass es mit meiner Laufbahn als Schauspieler gut kommt. Das war nicht von Anfang an so. Das heisst aber nicht, dass ich einfach abwarte – im Gegenteil. Das Beziehungsnetz muss gepflegt werden. Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund, weshalb sich immer wieder neue Möglichkeiten ergeben. Ich habe eigentlich immer irgendetwas in der Schublade, woran ich arbeiten kann. Man darf nicht darauf warten, dass jemand anruft.
TZ: Das heisst, man muss selber Projekte anstossen?
RS: Genau. Es gibt öffentliche Fördergelder. Dafür braucht es aber eine Idee, ein Dossier, das man sorgfältig ausarbeiten muss, und viel Eigeninitiative. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass ich der Schauspielerei treu bleiben muss. Für mich funktioniert es nicht, zwischendurch aus finanziellen Gründen einfach irgendeinen anderen Job anzunehmen. Man kommt aus der Übung und verliert den Kontakt zum Beruf.
TZ: Gibt es eine Rolle, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
RS: Da gibt es tatsächlich zwei sehr unterschied liche Figuren. Einerseits den Anwalt im Stück «Terror» von Ferdinand von Schirach. Diese Rolle hat mir sehr gefallen, weil sie eine grosse Ernsthaftigkeit und Präsenz verlangt. Andererseits denke ich gerne an Barnaby Tucker in der Produktion «Chrömerey» zurück. Dort durfte ich meine funnybones-mässige Seite richtig ausleben und gleichzeitig merken, wie das beim Publikum ankommt. Das hat unglaublich viel Spass gemacht.
TZ: Du hast viel mit professionellen Produktionen zu tun. Was schätzt du am Amateurtheater besonders?
RS: Ich bin wirklich beeindruckt von der Ernsthaftigkeit, mit der dort gearbeitet wird. Viele würden dies einer Laienbühne das gar nicht zutrauen. Dabei steckt unglaublich viel Herzblut dahinter. Allein schon das Aufwärmen vor einer Vorstellung gehört ganz selbstverständlich dazu. Ich kenne sogar Profis, die das nicht mehr machen. Vor allem aber sind die Menschen freiwillig dabei. Das ist eine ganz besondere Energie. Besonders schön finde ich zudem, Menschen aus dem Dorf einmal ganz anders zu erleben.

TZ: Wie stellst du dir deine Zukunft vor?
RS: Weiterhin in der Schauspielerei. Würde Geld keine Rolle spielen, würde ich sofort nur noch Eigenproduktionen machen. Ich würde Stücke schreiben, vielleicht ein Kabarettprogramm entwickeln oder Geschichten erzählen, die Menschen berühren. Ich könnte mir auch vorstellen, irgendwann Kurse zu geben – beispielsweise zu Auftrittskompetenz oder Atemarbeit. Das sind fantastische Techniken, nicht nur für Schauspielende.
TZ: Gibt es eine Traumrolle?
RS: Ja, Andrej aus «Drei Schwestern» von Anton Tschechow. Mit dieser Figur habe ich bereits für meinen Abschluss einen Monolog erarbeitet. Andrej ist eine sehr tragische Figur: der jüngere Bruder, der von seiner Familie, insbesondere von seinen Schwestern, behütet, gefördert und fast schon auf ein Podest gestellt wird. Gleichzeitig fehlt ihm das Vertrauen in sich selbst. Am Ende verspielt er das gesamte Familienvermögen. Ich finde diese Figur unglaublich spannend, weil sie sehr menschlich ist. Gleichzeitig zeigt sie, weshalb mich Stücke wie «Drei Schwestern» so faszinieren: Sie berühren und bewegen Menschen und sind auch heute noch erstaunlich aktuell.
Interview: Tatiana Troxler