Der Bühnenkünstler der ganz kleinen Art

Der Bühnenkünstler Bernhard Vogelsanger (1920 – 1995) war zeitlebens nur einer kleinen Gemeinschaft bekannt. Der gelernte Dekorateur hatte sein Herz aber ganz der grossen Bühnenbaukunst verschrieben. Gerne hätte er an der Oper gearbeitet. Dieser Wunsch blieb ihm zeitlebens verwehrt. Dafür wurde er der «Opernkönig von Schwamendingen».

Sie stapelten sich rund um und unter seinem Bett. Sie hingen in seinem Kleiderschrank und an der Garderobe. Die Bühnenbilder und die dazugehörenden Requisiten. Bernhard Vogelsangers Bühnenbilder hatten die Grösse von Schuhschachteln. Seine Protagonisten waren alle aus Karton und Papier. Es entstanden so ganze Szenen wie beispielsweise aus Puccinis «Tosca», Mozarts «Zauberflöte» oder Giuseppe Verdis «La Traviata». Alles in Kleinstformat.

Bernhard Vogelsanger, (1920 – 1995) ein Genie im Kleinformat.

Alles in allem kamen so rund achtzig Produktionen zusammen. Ihnen allen gemeinsam war die Grösse – sprich das Kleine. In der Sekundarschule besuchte der 1920 geborene Bernhard Vogelsanger zum ersten Mal eine Aufführung in der Zürcher Oper, die damals noch Stadttheater hiess, und war hin und weg. Seinen Wunsch, Bühnenbildner zu werden, konnten die Eltern dem jungen Bernhard nicht erfüllen. Zu knapp war das Geld für eine professionelle Ausbildung im Ausland.

Der schnell hingekritzelter Bühnenentwurf reicht schon.
Ein schnell hingekritzelter Bühnenentwurf reicht schon
Kleines Bühnenbild für grosses Musiktheater
Kleines Bühnenbild für grosses Musiktheater
Plakat für «Die Zauberflöte» von Mozart

So erlernte der junge Bernhard einen «richtigen» Beruf und begann 1936 eine Lehre als Dekorateur. Viele Jahre lang gestaltete er die Schaufenster des «Globus» an der Bahnhofstrasse. Reich wurde er nicht mit dieser Arbeit. Bis zu seinem Tod 1995 lebte er in einer dreieinhalb Zimmer grossen Genossenschaftswohnung, die er mit seiner Mutter bis zu deren Tod im Quartier Schwamendingen bewohnte.

Talentierter Autodidakt

Immer wenn das Geld wieder reichte, besuchte er die Oper. Trotz der eingeschränkten Möglichkeiten fand Bernhard Vogelsanger einen Weg, seiner Berufung zu folgen. 1941 suchte das Stadttheater Zürich Sänger und Sängerinnen für seinen Chor. Eine Chance, die Vogelsanger packte: Er wurde als Tenor aufgenommen. Es sei seine glücklichste Zeit gewesen, meinte er einmal rückblickend im Interview.

Er verfügte über eine ansehnliche Plattensammlung und eine beachtliche Anzahl an entsprechender Literatur, mit welcher er sich autodidaktisch weiterbildete. Aus einer Handwerkerfamilie stammend, war ihm das entsprechende Geschick quasi in die Wiege gelegt worden. Mit dem Wissen über Musiktheater und seiner Ausbildung zum Dekorateur fing er an Bühnenbilder für ganze Mini-Opern zu gestalten. Ganz unter dem Motto «Komme ich nicht zur Oper, kommt die Oper zu mir».

Und so öffnete sich jeden Samstag der kleine Vorhang zur grossen Welt des musikalischen Sing- und Tanztheaters in Schwamendingen. Scherzhaft nannte er seine Mini-Bühne «Opernhaus, Filiale Schwamendingen».

Kinderzimmer wird Theaterbühne

Bernhard Vogelsanger baute für seinen Traum sein ehemaliges Kinderzimmer um und stellte acht Theaterstühle, die er günstig erworben hatte, in den Raum. Ganz in Puppenspielermanier führte er seine Figuren an feinen Drähten. Die Musik kam zuerst vom Grammophon und danach vom Plattenspieler. Beim Szenenwechsel oder wenn bei Langspielplatte die Seite wechselte, sang Vogelsanger zur Überbrückung selber.

Ganz wie echt und mit viel Stil wurde den Gästen in der Pause leckere Häppchen und Schaumwein gereicht. Seine Finger waren nicht zwingend zum Führen von feinen Fäden oder Drähten geeignet, trotzdem legte er eine Virtuosität an den Tag, die seine Gäste erstaunte. Er hätte wohl noch ewig so weiter gemacht. Leider starb Bernhard Vogelsanger im Sommer 1995 an den Folgen einer verschleppten Lungenentzündung. Sein viel fältiges Erbe wird momentan von einem eigens dafür gegründeten Verein inventarisiert und verwaltet.

Katrin Brunner